Auf einmal ist er Lateinlehrer...
Maggie O’Farrell hat ihre Fantasie spielen lassen und ein Garn gesponnen. Es geht so: In einem Dörfchen in Warwickshire bekommt eine gewisse Agnes Ende des 16. Jahrhunderts drei Kinder. Der Vater ist nicht da, er ist angeblich in London, um als Schauspieler und Theaterautor Karriere zu machen und reich zu werden. Eines der Kinder stirbt, ein Junge namens Hamnet. Und schwuppdiwupp haben wir kurze Zeit später eines der berühmtesten Dramen der Weltliteratur in Händen, weil das doch sooo traurig ist mit dem Tod eines Kindes und der abwesende Herr Theaterautor das nur bewältigen kann, wenn er ein Theaterstück darüber schreibt…
Dass es in dem besagten Theaterstück überhaupt nicht um den Tod eines Kindes namens Hamnet geht, sondern um etwas wirklich völlig anderes, nämlich mörderische Intrigen in aristokratischen Kreisen, bei denen ein amtierender König von seinem Nebenbuhler vergiftet wird, welcher dann die Königin heiratet - tja. Dass in diesem Stück eine Figur mit ähnlich klingendem Namen („Hamlet“) der Sohn des ermordeten Königs ist und sich plötzlich in der ekelhaften Lage befindet, mit dem Mörder seines Vaters und seiner treulosen Mutter tagtäglich am Esstisch sitzen zu müssen - nicht so wichtig. Dass am Ende fast alle tot sind, vergiftet, erstochen, wahnsinnig geworden und ertrunken, muss uns ebenfalls nicht interessieren, denn wir wollen nur ein bisschen die Ähnlichkeit zwischen den beiden Namen „Hamnet“ und „Hamlet“ ausnutzen und vor allem hemmungslos emotional sein. Dass das Drama „Hamlet“ nicht in einem Bauernhaus in Warwickshire spielt, sondern an einem fiktiven dänischen Königshof - egal. Schulterzucken.
Eigentlich haben wir hier wieder die längst sattsam bekannte, abgrundtiefe Kluft zwischen dem angeblichen Privatleben eines der größten Dichter der Weltliteratur und der inhaltlichen Welt seiner Dramen und Sonette vor uns. Generationen von Gelehrten sind verzweifelt, weil zwischen beiden ein unüberbrückbarer Abgrund klafft; weil es schlichtweg nicht vorstellbar ist, dass ein ungebildeter Mensch aus der Provinz praktisch durch Zauberhand über die reiche Bildung verfügte, die der große Dichter besessen haben muss. Und obwohl viele kluge Köpfe in der Zwischenzeit eine plausible Lösung für das Rätsel gefunden haben - dass der eigentliche Autor sich mit einem Pseudonym tarnte, das dem Namen des Warwickshire-Mannes ähnelte -, hält eine Mehrheit am überkommenen Narrativ fest. Im Gegenteil, es werden sogar angebliche „Dokumentationen“ gedreht und auf „arte“ gesendet, die, um die dürftige Faktenlage zu kompensieren, nur aus unbewiesenen Spekulationen bestehen; es werden immer wieder Fantasien wie die von O’Farrell geschrieben (Peter Ackroyd erzählt in seinem Roman „Wie es uns gefällt“ die Geschichte einer ziemlich berüchtigten); und mit viel Schmonz und Schmalz in der Werbemaschine läuft jetzt auch eine „Hamnet“-Verfilmung an. Was interessiert es uns, dass das alles haltlose Spekulationen sind! Wir wollen doch nicht wissen, wie es wirklich war, wir wollen doch nur in Emotionen schwelgen!
Vom Herrn Shaxpere aus Stratford weiß man sicher, dass sich in seinem Haus kein einziges Buch fand und niemand aus seiner Familie jemals etwas von einer literarischen Tätigkeit mitbekommen hatte. Es ist nicht einmal sicher, ob er mehr als die Dorfschule genossen hat. Es heißt zwar immer, er sei wahrscheinlich irgendwo auf eine „grammar school“, eine Lateinschule gegangen. Belege gibt es keine. Aber o Wunder: Bei O’Farrell und in der Verfilmung wird er schwuppdiwupp sogar zum Latein-Lehrer befördert! Na ja, bei uns ist ja auch schon eine Abiturientin Außenministerin geworden.
Mike Schaefer
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