Heute: Der „Putinversteher

Vor 25 Jahren kreierte ein Radiosender auf der Suche nach dem „Weicheiwort des Tages“, in Anlehnung an das schon länger bekannte „Weichei“, haufenweise Wörter wie "Schattenparker" oder "Frauenversteher". Die flapsigen Spottwörter zielten auf den neuen Typus Mann, den emotional sensiblen „Softie“, den „Warmduscher“ eben. Diese phantasievollen Wortbildungen waren auf sprachlichem Gebiet der Renner des Jahres. 

Allerdings: Waren Turnbeutelvergesser, In-Fahrtrichtung-Sitzer oder Zahnarztterminverschieber noch wirklich lustig, weil der Spott auch liebevoll gemeint war (jeder konnte sich bei den genannten Verhaltensweisen selber ertappen), so machte die Sache auf eine Art Schule, bei der der liebevolle Spott in pure Verachtung und Bösartigkeit umgeschlagen ist. Aus dem „Frauenversteher“ ist nämlich der „Putinversteher“ geworden. Und mit dem "Putinversteher" sind diese Wortbildungen im Reich der politischen Kampfbegriffe, im Reich der Schmierenkampagne, im Reich der persönlichen Diffamierung ad hominem angekommen.

Lassen wir einmal beiseite, dass der leicht frauenfeindliche Spott, der im „Frauenversteher“ steckt, durch den analog gebildeten, politisch gemeinten „Putinversteher“ nun rückwirkend ebenfalls eine neue Bösartigkeit bekommt, die man durchaus in den Bereich eines antifeministischen Backlash einordnen könnte. Das ist so ähnlich wie beim „Corona-Leugner“, der ja bewusst in Anlehnung an den „Holocaust-Leugner“ gebildet wurde, um auf dem Wege subtiler Konnotation alle Betroffenen mit dem Leichengestank von Auschwitz zu parfümieren. Welche Perfidie in solch einem Verfahren steckt, haben wir beim Thema Corona bis zum Überdruss erlebt.

Bleiben wir aber erstmal beim semantischen Kern des „Frauenverstehers“. Und da sehen wir sofort: Das ist jemand, der etwas versteht und akzeptiert, was eigentlich nicht so recht zu verstehen und zu akzeptieren ist. Grundlage ist ein altes frauenfeindliches Klischee: Frauen sind unlogisch, irrational, hysterisch. Und das ist etwas, mit dem ein echter Mann sich eben gar nicht abgeben sollte, über das ein echter Mann erhaben ist. Mann ist überlegen! Darin liegt eine subtile Verachtung, die aber mit Respekt gepaart ist - Respekt gegenüber einem Mann, der es trotzdem kann und tut und damit Erfolg hat. Der mit der Irrationalität des Wesens Frau zurechtkommt. Und in dieser ambivalenten Mischung aus Arroganz und Respekt, dem gleichzeitigen Vorhandensein widersprüchlicher Gefühle, liegt echter Humor. Der Spott bleibt liebevoll und wirkt deswegen versöhnlich.

Halten wir noch fest, dass „verstehen“ im semantischen Kern primär heißt, irgendwelche Funktionen, Operationen, Zusammenhänge intellektuell erfassen, nachvollziehen und beschreiben zu können. Da es hierzu notwendig ist, sich auf das jeweilige Objekt einzulassen, kommt eine zusätzliche Bedeutung von „akzeptieren“ ins Spiel: Wenn ich verstehen will, wie Hämorrhoiden funktionieren, muss ich ihr Vorhandensein erst einmal akzeptieren, auch wenn mir Hämorrhoiden persönlich hochgradig unsympathisch sind. Es ist dies ein uraltes Dilemma, das zum Beispiel in dem Diktum „Alles verstehen heißt nicht alles verzeihen!“ zusammengefasst ist.

Ein extremes Beispiel dafür ist der Job eines Profilers. Jedem leuchtet ein, dass ein solcher Kriminalist keineswegs begeistert ist von den Taten eines Serienmörders, aber als allererstes akzeptieren muss, dass diese Taten existieren. Niemand würde einem Profiler vorwerfen, er mache gemeinsame Sache mit einem Serienmörder, bloß weil er dessen Taten studiert und verstehen will. Sie verstehen will, um sie natürlich zu beenden! Und andersherum: Wer nicht in der Lage ist, das Vorhandensein solcher Taten zu akzeptieren, hat in diesem Job nichts verloren. Wer kein Blut sehen kann, darf nicht Arzt werden.

Kommen wir zurück in die politische Arena. Aus dem „Frauenversteher“ ist der „Putinversteher“ geworden und aus dem liebevollen Spott eine toxische Bösartigkeit. Da ist kein Respekt mehr vor jemandem, der etwas akzeptiert und versteht, was eigentlich nicht so recht zu verstehen und zu akzeptieren ist. Jetzt benutzt eine Vielzahl von selbsternannten Bescheidwissern in Journalismus & Politik das Wort als Totschlag-Argument. Nichts mehr von Ambivalenz, Humor, Versöhnlichkeit: In Grund und Boden sollen alle beschämt werden, die sagen, man müsse das problematische Objekt P. in seinem Vorhandensein akzeptieren und versuchen zu verstehen, wie es arbeitet. Nur so könne man eine Lösung des mit P. verbundenen Problems finden. 

Niemand würde einem Profiler vorwerfen, dass er sich zum Komplizen des Serienmörders mache, denn es ist ja offenkundiger Blödsinn. Aber in den Verblödungsgeschwätzrunden, in den hochbezahlten Kolumnen, in den politischen Gremien dieser Gesellschaft ist es an der Tagesordnung. Keinem der Akteure ist es zu blöd, zu behaupten, mit dem Versuch, P. zu verstehen, mache man gemeinsame Sache mit P., man werde zu P.’s Komplizen, man betreibe „Täter-Opfer-Umkehr“.

Das ist ungefähr so, als müsste sich John Douglas, einer der führenden Profiler des FBI, in einer Talkshow dafür rechtfertigen, dass er Profiler ausbildet. Es ist so, als bekäme Douglas als ernstgemeintes Argument zu hören, durch seinen Profiling-Ansatz würden Serienmörder zum Morden ermutigt, würde er Serienmörder fördern und neue Serienmörder heranzüchten. 

Hier ist die komplette Absurdität eines solchen Arguments völlig klar; im Fall P. nicht. Dabei ist P. nicht einmal ein Serienmörder; er ist „nur“ ein Staatschef, der, wie so viele andere auch, seine Befehlsgewalt genutzt hat, um Krieg zu führen. Sicher ist das verwerflich; allein: durch Ignorieren, Verdammen und Kontaktverbot löst man das Problem ganz gewiss nicht. Und ganz gewiss auch nicht dadurch, dass man im eigenen Land jetzt ebenfalls zum Krieg bereit sein will, wo man das beim Gegenüber doch angeblich verwerflich findet.

Durch die toxische Mischung aus Verachtung des Gegenübers, Besserwisser-Arroganz und hinterhältiger Bösartigkeit, die in einem scheinbar harmlosen Spottwort steckt, wird die Kommunikation vergiftet. Durch die Zielrichtung ad hominem, durch den persönlichen Angriff auf den Meinungsträger, wird der idealerweise herrschaftsfreie demokratische Diskurs sabotiert. Das ist eine sehr ungute und gefährliche Situation, denn natürlich ist die unmittelbare Folge, dass deswegen weiterhin Zehntausende von Soldaten ihren Arsch hinhalten und sterben oder als Krüppel weiterleben müssen - ein unabsehbares Leid auf Generationen hinaus, eine ungeheure Hypothek für die Menschheit. Eine große Zahl von Bürgerinnen und Bürgern wird eingeschüchtert, was zu Vertrauensverlust und ressentiment-geladenem Wahlverhalten führt. Die Demokratie verliert ihr wichtigstes Korrektiv: die offene Debatte, mit der allein bessere Lösungen für ein Problem erreichbar sind.
Und deshalb habe ich heute wieder einmal die sprachlichen Mechanismen, die zu dieser Situation geführt haben, am Beispiel eines besonders üblen Unwortes seziert und analysiert. Und deshalb sagt der Gedankendoktor an dieser Stelle wieder einmal: 
Wäge deine Worte!

Michael Schaefer

 

(Mit Dank an Prof. Dr. Jochen A. Bär von der Uni Vechta für seine Kolumne, der ich die Infos in der Einleitung entnommen habe; Eintrag Nr. 137 „Idiot“. https://www.uni-vechta.de/germanistik/sprachwissenschaft/jdw/woerter/05)