Eine neue, unbefangene Annäherung

Schon beim ersten Mal, als ich mich bewusst mit Albert Camus’ Kurzroman „Der Fremde“ auseinandersetzte, stieß ich auf eine seltsame Ambivalenz. Ich unterhielt mich damals mit einem Mitbewohner über die Hauptfigur Meursault, und der Mitbewohner meinte, es sei ja ganz klar, dass Meursault der Fremde sei und warum: Gleichgültig, ohne Liebe, ohne Bindungen, ohne Anteilnahme an anderen Mitmenschen lebe er dahin, und dass er zum Mörder werde, sei aufgrund seiner Empathielosigkeit geradezu konsequent. Meursault sei der typische gottlose, nihilistische Mensch der Moderne. Ich wehrte mich ein wenig dagegen, da sich mein Gegenüber, wie ich wusste, als Christ verstand und dies meine instinktive Neigung verstärkte, Meursault als Vorbild zu betrachten, als trotzigen existentialistischen Helden des Absurden, wie ja viele geläufige Interpretationen lauten. „Il refuse de mentir“, er weigert sich zu lügen. Und weil er die gesellschaftlichen Konventionen und Lebenslügen nicht mitspielt, wird er verurteilt - sowas kam bei einem Achtundsechziger-Rebellen wie mir natürlich gut an. 
   

Anlässlich von Francois Ozons Neuverfilmung ging ich vor kurzem mit meiner Gattin ins Kino und nahm danach natürlich auch den Roman wieder zur Hand. Ich recherchierte ein wenig und stieß wieder auf diese seltsame Ambivalenz zwischen den beiden Auffassungen von Meursault. Was ist da los? fragte ich mich. Fällt das denn niemandem auf? Gibt es vielleicht irgendwo eine Scheu, bei einem epochemachenden literarischen Werk wie diesem Klartext zu reden und festzustellen: Wenn Meursault, wie alle übereinstimmend sagen, ein gleichgültiger, emotions- und willenloser Klotz ist, der in nihilistischer Weise in den Tag hineinlebt, dann kann er doch beim besten Willen nicht andererseits als Beispiel für ein Leben gelten, welches (im Sinne von Sartre oder Camus) die Absurdität der Existenz - die Tatsache, dass der Mensch seinen Sinn selber schaffen muss - wirklich verstanden und bewältigt hat. Das geht nicht. Entweder apathischer Klotz oder erleuchteter Sisyphos, der sein absurdes Schicksal freudig bejaht; aber nicht beides zugleich.
   

Das wird im Text auch klar festgestellt. Der entscheidende Punkt findet sich in der Mord-Passage am Ende des ersten Teils, wo Meursault sagt: 
„Ich begriff, dass ich das Gleichgewicht des Tages, das ungewöhnliche Schweigen eines Strandes zerstört hatte, an dem ich glücklich gewesen war.“ Das Glück ist zerstört; also folgt nun Unglück. Und weiter heißt es, von den vier - auf den ersten Schuss folgenden - Schüssen auf den Araber, sie seien „gleichsam vier kurze Schläge an das Tor des Unheils“. Was nun folgt, ist also ganz klar Unheil, Verhängnis, Verderben, Untergang. (Wehe Ihnen, wenn Sie darin bloße Worte sehen!)

Anders gesagt: Glück oder Unglück, Heil oder Unheil, Gedeihen oder Verderben sind hier real und existieren für unseren „Fremden“ und den Menschen. Es ist nicht egal, ob man sich und anderen Unheil bereitet oder aber dies vermeidet. Es ist nicht egal, ob man glücklich ist oder unglücklich, ob man andere glücklich macht oder unglücklich. Zu sagen, menschliches Glück oder Unglück seien belanglos, wäre nur primitiver Nihilismus, bei dem kein Nihilist je stehengeblieben ist - Nietzsche nicht, Dostojewskij nicht, Camus nicht. „Das Absurde befreit nicht, es bindet“, sagt Camus. Und Nietzsche sagte: „Wir werden (= nach dem Nihilismus) einmal wieder neue Werte nötig haben.“ 

So weit war ich mit meinen Überlegungen gediehen, als ich bei der Recherche auf den österreichischen Literaturwissenschaftler Thomas Pölzler aus Graz stieß. In seinem Essay „Absurdism and Self-Help: Resolving an Essential Inconsistency in Camus’ Early Philosophy“ („Absurdismus und Selbsthilfe: die Auflösung eines grundlegenden Widerspruchs in Camus’ früher Philosophie“) trifft er nämlich eine ganz ähnliche Feststellung: 
    „Wie ich in Abschnitt 1 zeigen werde, leugnet Camus ausdrücklich die Existenz moralischer Werte. Diese Leugnung liegt in dem vorgebildet, was wahrscheinlich die zentrale These seiner frühen Philosophie ist: in der These vom Absurden. Wie ich in Abschnitt 2 zeigen werde, ist Camus aber auch gewissen moralischen Werten verpflichtet. Sowohl in seinen literarischen wie auch seinen philosophischen Werken interessiert er sich nicht so sehr für das Absurde per se, sondern eher dafür, wie wir uns zu ihm verhalten sollten (vgl. ‚Mythos‘ 1, 14; ‚Caligula‘; ‚Der Fremde‘). Bei der Rechtfertigung seiner angenommenen normativen Schlussfolgerungen stützt sich Camus stillschweigend, jedoch ganz entscheidend auf Werturteile.“
(„As I will try to show in section 1, Camus explicitly denies the existence of moral values. This denial is presupposed by what is probably the most central claim of his early philosophy: his postulation of the absurd. As I will try to show in section 2, Camus is also committed to the existence of certain moral values. Both in his literary and philosophical works he is not so much interested in the absurd per se, but rather in how we ought to respond to it (see Myth 1, 14; Caligula; Stranger). In justifying his supposed normative conclusions, Camus tacitly, but crucially, relies on evaluative judgements.“)

Im „Fremden“ liegt der Schlüssel zu einem elementaren moralischen Wert, wie gesagt, in der Mordszene - Unheil oder Vermeidung von Unheil; durch eine willkürliche Handlung (Sanskrit „karma“) wird etwas zerstört, was durch das Absehen von willkürlichem Handeln, den Verzicht auf willkürliches Handeln heil, ganz, unbeschädigt bleiben würde. Es ist „das ungewöhnliche Schweigen eines Strandes“, in dem man „glücklich sein“ konnte; das ist fast buddhistisch gesprochen, und in der Tat könnte man von hier aus den Bogen schlagen zur buddhistischen Morallehre, die ja ohne göttliche Offenbarung auskommt und nur von heilsamen und unheilvollen Folgen der Taten („karma“) spricht. Göttliche Offenbarung ist nicht nötig; die nackten empirischen Tatsachen der Existenz können moralische Werte beinhalten, die sich zum Beispiel auch in einem uralten Satz wie „Du sollst nicht töten“ zeigen können.


Aber vielleicht ist das alles sowieso ein großes Missverständnis. Der englische Professor
Sam Shuster von der Universität Newcastle hat nämlich im April 2018 die aufsehenerregende These aufgestellt, bei Camus’ „L’étranger“ handele es sich um „die erste Beschreibung eines Menschen mit dem Asperger-Syndrom“. Er schreibt:


„Eine Recherche in den Berichten, wie L’Etranger entstand, förderte mehrere separate Aussagen von Camus zutage, dass ‚Meursault aus Pierre Galindo entwickelt wurde‘, seinem besten Freund und einem Menschen, dessen Verhalten Camus mehrere Jahre lang beobachtet hatte.“ 
(„A search through accounts of how L’étranger came to be written revealed several separate admissions from Camus that ‚Meursault had mostly been developed‘ from Pierre Galindo, his best friend, and a man whose behavior Camus had closely observed for many years.“
Shuster führt aus:
„Beispiele für dieses Verhalten zeigen sich fast auf jeder Seite, von Meursaults erstem Satz an  bis zu seiner scheinbaren emotionalen Gleichgültigkeit gegenüber seiner Mutter in der Leichenhalle, wo er raucht, trinkt und sich mit dem Wärter darüber unterhält, dass bei diesen Temperaturen die Beerdigung schnell erfolgen sollte. Er führt bloße Fakten an, als ob sie alles seien, was wichtig ist: als man ihn in eine Gemeinschaftszelle voller Araber steckt und sie fragen, was er getan habe, sagt er einfach ‚Ich habe einen Araber getötet‘; er ist sich der Unangemessenheit und Gefährlichkeit seiner Antwort und der nonverbalen Bedeutung der darauffolgenden Stille nicht bewusst. Als sein Nachbar, ein älterer Herr, untröstlich ist, weil sein Hund verschwunden ist (Meursault hört ihn leise weinen) und ihn um Rat fragt, antwortet er, er solle sich einen neuen Hund zulegen; als seine Freundin ihn fragt, ob er sie heiraten würde, sagt er ja, aber es sei ihm ‚einerlei‘ - ihre wenig überraschend Antwort ist, er sei seltsam (eine sehr häufige Reaktion auf Menschen mit Asperger).“

(„Examples of this behavior are apparent on almost every page, from Meursault’s first sentence to his apparent emo- tional indifference to his mother in the mortuary, where he smokes, drinks and shares the mortuary attendant’s interest in discussing the need for a speedy burial because of the tem- perature. He uses bare fact as if that is all that matters: when put in a cell with Arab prisoners they ask what he has done, he simply says “I had killed an Arab”; he is unaware of the inappropriateness and danger of his reply and the nonverbal meaning of the silence with which it was greeted. When his elderly neighbor is upset (Meursault hears him silently weeping) by the loss of his dog and asks Meursault’s advice, his reply is get another dog; when his girl friend asks if he would marry her, he says yes, but that “it’s all the same to me” – her unsurprising reply is that he is bizarre, a common response to people with Asperger’s. „)

Die Schlussfolgerung:
„So ist zum Beispiel die literarische Auffassung, Meursaults Charakter sei nicht real, falsch: Er benimmt sich wie ein wirklicher Mensch mit dem Asperger-Syndrom; seine gefühlsarme, lakonische Neutralität gehört gleichfalls zu seiner Verhaltensstörung, ist aber als rassistisch missdeutet worden; außerdem sind Worte und Handlungen, die aus seinem Asperger-geprägten Geisteszustand entsprungen sind, unpassenderweise dazu benutzt worden, philosophische Ideen wie die des Absurdismus und des Existentialismus zu entwickeln und zu untermauern. Nun, da wir wissen, dass er von Meursaults Verhaltensstörung vorangetrieben wird und nur in diesem Zusammenhang verstanden werden kann, ist  L’étranger nicht mehr der Roman, der er einmal zu sein schien.“

(„Thus, for example, the literary belief that Meursault’s character is unreal is incorrect: he behaves as does a real person with Asperger’s syndrome; his unemotional, laconic neutrality is likewise part of his behavioral disorder, but has been misread as a racist; furthermore, words and actions arising from his Asperger’s mode of thought and state of mind have been inappropriately used to develop and support philosophical ideas such as absurdism and existentialism. L’étranger is not the novel it once seemed, now that we know it was powered by Meursault’s behavioral disorder and can only be understood in this respect.“)

Ich weiß nicht, ob Camus dieses Problem bewusst war, ob er seinen Meursault eher für einen Kranken oder aber tatsächlich für ein Vorbild hielt. Sein „Sisyphos“ jedenfalls zeugt, wie Pölzler in seinem Essay darlegt, von einer ganz anderen Lebenshaltung: Volles Bewusstsein der Absurdität der Existenz und ein Sich-Durchringen zu Mut, Tapferkeit und Freude. 


    Vielleicht ist das im Bezug auf den „Fremden“ an dieser Stelle ja die Auflösung des Widerspruchs: Dass Meursault in der Todeszelle sein selbstgeschaffenes Schicksal akzeptiert, so wie Sisyphos, und den Mut aufbringt, es zu umarmen. In der Schlusspassage könnte man so eine Wendung erblicken: „Da fühlte ich, dass ich glücklich gewesen war und immer noch glücklich bin.“ Aber zur Nachahmung empfehlen kann man so ein Ende guten Gewissens doch keinem, oder? Oder wollen Sie am Tag Ihrer Hinrichtung von „vielen Zuschauern mit Schreien des Hasses empfangen“ werden? Ich nicht.

(C) Mike Schaefer 2026 


Sam Shuster
https://www.dovepress.com/camuss-letranger-and-the-first-description-of-a-man-with-aspergers-syn-peer-reviewed-fulltext-article-PRBM

Absurdism as Self-Help: Resolving an Essential
Inconsistency in Camus’ Early Philosophy
Thomas Pölzler, University of Graz
https://philpapers.org/archive/PLZAAS.pdf